Objekt des Monats

11/26/2025

Geusenbecher (Flamenpokal), um 1575, Museum Wesel

MEHR ALS NUR DEKO: ZWEI PRUNKBECHER ERZÄHLEN SOLIDARITÄTSGESCHICHTE

EIN GOLDPOKAL ALS DANKESCHÖN?

WESEL – DIE STADT, DIE IHRE TÜREN ÖFFNETE

Mitte des 16. Jahrhunderts herrschte in Europa religiöse Verfolgung. Tausende calvinistische Flüchtlinge, die sogenannten „Geusen“, flohen aus den Niederlanden und Wallonien. Ihr Zufluchtsort: Die Stadt Wesel. Warum Wesel? Die Stadt, die gerade selbst die Reformation angenommen hatte, zeigte sich außergewöhnlich offen. Das war nicht nur Nächstenliebe: Viele der Ankömmlinge waren reiche Kaufleute und gut ausgebildete Handwerker, die die Stadt wirtschaftlich bereicherten.

Ausschnitt aus Vesalia Inferior, Stadtarchiv Wesel

DIE KOSTBARE ABSCHIEDSGESTE

Als sich die politische Lage in den Niederlanden besserte, kehrten die meisten Flüchtlinge um 1578 in ihre Heimat zurück.

Als Dank für die Gastfreundschaft und die Sicherheit, die ihnen Wesel geboten hatte, gaben sie in Köln beim Goldschmied Gilles Sibricht diese zwei prachtvollen Becher in Auftrag. Sie bestehen aus vergoldetem Silber und sind mit feinen biblischen Szenen verziert, die alle das Thema Gastfreundschaft aufgreifen.

Die Becher sind also nicht einfach nur Sammelobjekte. Sie sind die materielle Erinnerung an einen Moment, in dem die Stadt Wesel klug und humanitär handelte und dafür mit einem unbezahlbaren Geschenk belohnt wurde.

Geusenbecher, um 1575, Museum Wesel

WAS UNS DIE BECHER HEUTE SAGEN

Die Geschichte der Geusenbecher ist mehr als 400 Jahre alt, aber ihre Botschaft ist hochaktuell. Wie sehen Menschen, die heute in Wesel eine neue Heimat finden, das Thema Migration und Solidarität?

WIR HABEN DREI STIMMEN EINGEFANGEN, DEREN FAMILIEN EINEN MIGRATIONSHINTERGRUND HABEN:

Edanur, Auszubildende (Deutschland/Türkei):

„Beim Lesen über die Geusenbecher wurde ich nachdenklich. Mir war nicht bewusst, dass Wesel bereits vor Jahrhunderten Menschen aufnahm, die vor Verfolgung flohen.

Das Geschenk der Becher ist ein tiefes Zeichen von Wertschätzung und Solidarität. Als jemand mit Migrationshintergrund kann ich mich gut in die Unsicherheit, aber auch in die Hoffnung der damaligen Flüchtlinge hineinversetzen.

Die Geschichte zeigt: Geflüchtete brauchen nicht nur Hilfe, sie können auch etwas zurückgeben – sei es Wissen, Arbeit oder kul
turelle Impulse. Wesel hat damals bewiesen, dass Integration keine Einbahnstraße ist und dass Menschlichkeit Früchte trägt.

Die Geusenbecher sind für mich eine wichtige Botschaft: Jede Stadt profitiert, wenn sie Neuankömmlinge nicht nur als Herausforderung, sondern als Menschen sieht, die unsere Gemeinschaft bereichern können.“

Tatiana, Künstlerin (Deutschland/Russland):

„Die Geusenbecher erinnern mich an die Goldenen Kuppeln der orthodoxen Kirchen, die in meiner Heimat oft zu sehen sind.

Die Farbe Gold und die Kuppelform sind bekannte Symbole in der Orthodoxie, die für Ewigkeit und himmlische Herrlichkeit stehen. Symbole, die sich schützend, über uns Menschen in einer Kuppel- oder einer Pokalform (wie bei den Geusenbechern) biegen. Diese Symbole erinnern uns daran, dass wir alle unterschiedlich sind und trotzdem unter einem Himmel leben mit der ewigen Aufgabe - miteinander einig und friedlich auszukommen.“

Zeichnung Tatiana Savchenko-Ponomarenko, 2025

Catherine, Fachbereichsleiterin (Deutschland/Frankreich):

„Wesel ist eine bunte, kulturell vielfältige Stadt, in der ich mich gleich wohl gefühlt habe. Ich habe nach meiner Ankunft eine hohe Hilfsbereitschaft erfahren und habe mich direkt willkommen gefühlt. Ich kann mir vorstellen, dass es den Geflüchteten im 16. Jahrhundert ebenso ging und es ist ein schöner Gedanke, dass es heute auch noch so ist und sich diese Haltung durch die Jahrhunderte getragen hat.

Es macht mir immer noch unglaublich Spaß, die Stadt zu entdecken, denn es gibt so viel mehr interessante Plätze, als man denkt!“

MUSEUM WESEL

ADRESSE
Ritterstraße 14
46483 Wesel

©2026 Museum Wesel